Das historische Kreishaus
In dem vielgestaltigen Bauensemble rund um den Wittmunder Marktplatz spielt das
in den Jahren 1899 bis 1901 unter der Leitung des oldenburgischen Architekten
Klingenberg errichtete Kreishaus eine besondere Bedeutung: Es ist ohne Zweifel
das schönste Gebäude im Zentrum der Kreisstadt. Die gestalterischen Planungen
nahmen Rücksicht auf den damals bereits vorhandenen Baubestand am Marktplatz.
Gleichzeitig bemühten sich Planer und Auftraggeber um eine neue Dekorationsfülle,
dem Lebensgefühl der Jahrhundertwende Ausdruck zu verleihen. Schließlich war
Wittmund damals der größte Landkreis innerhalb der preußischen Provinz Hannover
und einer der steuerstärksten zugleich.
Noch heute spürt man die Freude des Architekten an der Ausschmückung der
Mittelachse des Gebäudes.
Eine sandsteinerne Treppe, die von einem Kunstschmiedegeländer gesichert wird,
führt zu dem mächtigen Portal des Kreishauses. Die Quadersteine oberhalb des
Rundbogens zeigen Wappen der Städte Wilhelmshaven, Wittmund und Esens, rechts und
links davon erkennen wir auf den Wappentafeln den Löwen von Gödens und den Adler von Friedeburg.
Das große Fenster oberhalb des Portals weist auf den Mittelpunkt des Kreishauses
hin - den historischen Sitzungssaal. Krönender Abschluss ist das Giebeldreieck mit
dem Upstalsboom-Wappen, dem uralten friesischen Freiheitssymbol.
Beeindruckend ist auch das mächtige Schieferdach des Kreishauses mit den Dacherkern
in der Art von Turmaufsätzen. Die Seitenfronten zeigen ein ähnliches Dekorationsschema
wie die Fassade, wogegen die Rückwand weitgehend schmucklos blieb. Mittelpunkt im
Innern des Gebäudes ist der Sitzungssaal. Bei der Gestaltung dieses Repräsentationsraumes
wurde gezeigt, was heimische Handwerker zu leisten vermögen. Entlang aller vier
Wände sind 44 im Blauton gezeichnete Bilder mit Motiven aus dem Kreisgebiet in
seinen ursprünglichen Grenzen in die Holzverkleidungen eingelassen. Der Wandabschluss
zur Decke hin ist an den Längsseiten mit Wappenbildern geziert, die überwiegend dem
ostfriesischen Raum zuzuordnen sind.
Die Deckenbemalung enthält, jeweils von Holzbalken unterbrochen, Portraitzeichnungen
ostfriesischer Fürsten und preußischer Könige, letztere waren ja gleichzeitig auch
Fürsten von Ostfriesland. Schmuckstück des großen Sitzungssaals ist ein etwa dreieinhalb
Meter hoher und reich verzierter Kamin. Die auf seinem Oberteil stehenden Figuren
erinnern an den hohen Stand der Landwirtschaft und an die Siedlungsbestrebungen der
Kreisbevölkerung um die Jahrhundertwende. Gleichfalls im oberen Teil des Kamins ist ein
dreifach gegliederter Kirchenbau dargestellt, aus dem die Figuren von St. Magnus
und St. Willehad hervortreten.
Bemerkenswert ist neben dem Sitzungssaal die Einrichtung des im Stile einer alten
Bauernstube gehaltenen Dienstzimmers des Landrates des Landkreises Wittmund.
In den achtziger Jahren wurden mit einem Kostenaufwand von annähernd einer
Million DM umfangreiche Restaurierungen am und im Kreishaus vorgenommen. Fenster
und Außenfassade wurden saniert, das Schieferdach erneuert, die mächtigen Gewölbedecken
im Gebäudeinnern ausgebessert sowie der Sitzungssaal zu neuem Glanz gebracht.
Investitionen, die sich gelohnt und das wertvolle Baudenkmal in seinem Bestand
gesichert haben.